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Phase A

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A14 Lernen Sie unterschiedliche Lesetechniken einzusetzen

Eine wichtige Voraussetzung für effizientes Lesen ist der flexible Einsatz unterschiedlicher Lesestrategien. Wahrscheinlich kennen Sie alle den Ausdruck des „kursorischen Lesens“. Darin steckt das lateinische Wort „currere“ (laufen). Der Begriff deutet schon darauf hin, dass man sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten durch einen Text bewegen kann. Aber es lassen sich noch mehr Arten des Lesens unterscheiden. Zunächst nach dem Kriterium der Verarbeitungstiefe die folgenden vier Lesetechniken:

 

1. Orientierendes Lesen

Sie blättern einen Text durch und achten dabei auf alles, was Ihnen einen Überblick über den Inhalt des Textes geben könnte, insbesondere Inhaltsverzeichnisse, Abstracts, Zusammenfassungen, Überschriften und Zwischenüberschriften, Grafiken und Tabellen, Hervorhebungen im Text und Ähnliches. Es werden aber keine einzelnen Textpassagen gelesen. Das orientierende Lesen dient vor allem dazu, sich einen ersten Eindruck vom Text und von den in ihm vermutlich enthaltenen Informationen zu verschaffen, um dann zu entscheiden, ob sich eine gründlichere Lektüre lohnt.

 

2. Kursorisches Lesen (auch „überfliegendes Lesen“, „skimming“ oder „browsing“ genannt)

Auch beim kursorischen Lesen geht es nicht darum, den Text als ganzen aufzunehmen, sondern darum, in einem Schnelldurchgang so viel wie möglich vom Textinhalt zu erfassen. Dabei geht das kursorische Lesen weiter als das orientierende Lesen, weil es nicht nur optisch auffällige Textelemente wie Überschriften oder Hervorhebungen im Text wahrnimmt, sondern auch bereits Teile des Fließtextes verarbeitet. Im Englischen heißt diese Technik deshalb auch „skimming“ (von „to skim“ = abschöpfen) und in der Tat geht es darum, dasjenige vom Text „abzuschöpfen“, was sich der Leserin für einen leichten Zugriff anbietet. Wie erfolgreich das kursorische Lesen ist, hängt vom Geschick in der Auswahl der wahrgenommenen Textpassagen ab. Eine gute Strategie kann z. B. darin bestehen, die ersten und die letzten Sätze von Absätzen kurz zu betrachten, denn diese enthalten oft brauchbare Informationen über den Inhalt des Absatzes. Eine andere kann darin bestehen, im Text nach bedeutungstragenden Schlüsselwörtern Ausschau zu halten. Ein Absatz, in dem ein Wort wie „Immobilienfonds“ oder „Dreißigjähriger Krieg“ vorkommt, wird vermutlich eine Aussage zu Immobilienfonds oder zum Dreißigjährigen Krieg enthalten. Wörter wie „Absicht“, „Bedeutung“, „beitragen“ oder „erhalten“ hingegen werden kaum etwas über den Inhalt eines Absatzes aussagen.

 

3. Vollständiges Lesen (auch „totales“ oder „statarisches“ Lesen genannt)

Sie lesen den Text vollständig und gründlich mit der Absicht, ihn ganz zu verstehen.

 

4. Studierendes oder erarbeitendes Lesen

Dies ist eine noch intensivere Form des Lesens. Im Gegensatz zum vollständigen Lesen (das wir z. B. auch bei einem Roman anwenden) steht hier die Aufnahme des im Text vermittelten Wissens noch stärker im Vordergrund. Um das Ziel eines vertieften Verstehens zu erreichen, lesen Sie besonders gründlich und langsam, gehen bei Nicht-Verstehen im Text zurück, halten häufiger inne, um das gerade Gelesene zu „verdauen“, setzen es bewusst zu Ihrem Vorwissen oder anderen Passagen des Textes in Bezug, machen Notizen oder Exzerpte usw. Neben diesen vier Grundlesearten gibt es noch eine Reihe von Spezialformen, die für das wissenschaftliche Arbeiten ebenfalls von Interesse sind:

 

5. Selektives Lesen

Sie lesen nicht den ganzen Text (z. B. nicht ein ganzes Buch), sondern nur einen oder mehrere bewusst ausgewählte Teile. Die Entscheidung darüber, welche Teile Sie lesen, wird häufig als Ergebnis eines vorausgehenden orientierenden Lesens (s. Nr. 1) gefasst. Das selektive Lesen selbst kann dann wiederum ein vollständiges (Nr. 3) oder ein erarbeitendes Lesen (Nr. 4) sein.

 

6. Probelesen

Diese Technik kann angewandt werden, um sich einen Eindruck von einem bestimmten längeren Text zu verschaffen, z. B. von seiner Verständlichkeit oder seinem fachlichen Schwierigkeitsgrad. Am besten wählt man dazu einen Textabschnitt aus der Mitte des Textes und wendet dabei die Technik des vollständigen Lesens (Nr. 3) auf ein oder zwei willkürlich gewählte Textabschnitte von einer bis zwei Seiten an.

 

7. Suchendes Lesen (auch „scanning“ oder „search reading“ genannt)

Das suchende Lesen kommt zum Einsatz, wenn man in einem Text bestimmte Informationen sucht, ohne sich für den gesamten Text zu interessieren. Dies kann z. B. ein bestimmter Name, ein Fachausdruck, eine einzelne Studie, ein bestimmtes Forschungsergebnis, eine treffende Definition oder dergleichen sein. Auch das erneute Lesen eines bereits früher gelesenen Textes mit dem Ziel, eine bestimmte Information wiederzufinden (z. B. die Erwähnung eines Autors, eines Werks, eines Ereignisses usw.), fällt in diese Kategorie. Das suchende Lesen ist meist eine Kombination aus orientierendem (Nr. 1) und kursorischem Lesen (Nr. 2)

 

8. Inspiratives Lesen („reading for inspiration“)

Beim inspirierenden Lesen hingegen weiß man noch gar nicht so genau, was man eigentlich sucht, außer dass man auf Ideen wartet, z. B. Ideen für die Art und Weise, wie man sich einem Thema überhaupt nähern möchte, welche Teilaspekte es hat, welche Relevanz für praktische Fragen in ihm steckt oder Ähnliches. Auf der Suche nach dieser Inspiration ist es weder notwendig noch sinnvoll, ganze Texte detailliert zu lesen. Es ist nicht einmal unbedingt notwendig in einem Text chronologisch zu lesen; man kann auch hin und her springen. Gelesen wird nur, was die eigenen Gedanken voranbringt.

 

9. Einprägendes Lesen

Diese Form des Lesens wird angewandt, um bestimmte Inhalte eines Textes in das Langzeitgedächtnis zu überführen. Hier geht es nicht nur um das vollständige Verstehen, sondern zusätzlich um das Memorieren, also die Fähigkeiten, die verstandenen Inhalte bei Bedarf wieder so reproduzieren zu können, wie sie im Text präsentiert wurden. Das einprägende Lesen wird typischerweise zur Vorbereitung von Prüfungen eingesetzt.

 

10. Evaluierendes Lesen

Bei dieser Form des Lesens geht es darum, zu einer Bewertung des Textes zu kommen. Anders als beim reinen Korrekturlesen (vgl. Nr. 11), das stark auf punktuelle formale Mängel im Text ausgerichtet ist (z. B. Tippfehler), ist das evaluierende Lesen stärker inhaltlich ausgerichtet. Ihre Betreuungsperson wird Ihren Text später vor allem mit dieser Lesetechnik betrachten. Aber auch für Sie kann diese Lesetechnik wichtig werden, wenn Sie zum Beispiel im Rahmen Ihrer Arbeit Primärtexte selbst bewerten müssen. Auch wenn Sie mit einem Mitstudierenden ein „Peer-reading-Tandem“ bilden (vgl. F-13), werden Sie vorzugsweise diese Lesetechnik einsetzen.

 

11. Korrekturlesen

Diese Sonderform des Lesens wird eingesetzt, um Mängel in einem eigenen oder fremden Text aufzuspüren und zu beheben. Das Augenmerk liegt dabei meist auf Aspekten wie Rechtschreibung und Interpunktion oder den einzelnen Formulierungen. Es ist meist eine spezielle Form des vollständigen Lesens.

 

Entscheidend für das effiziente Lesen von Texten ist nun die Auswahl der jeweils richtigen Lesestrategie in Abhängigkeit von Ihrem Leseziel. Wenn Sie z. B. gerade erst mit dem Lesen zu Ihrem Schreibprojekt beginnen und das Thema für Sie noch keine klaren Konturen hat, dann ist wahrscheinlich das „inspirierende Lesen“ die beste Strategie. Für eine erste Einschätzung der Einschlägigkeit bei der Erstellung der Lektüreliste hingegen ist das „überblicksortierte Lesen“ ausreichend. Haben Sie bereits relativ viel Material zusammengetragen und wollen abschätzen, ob in einer weiteren Quelle noch neue Aspekte enthalten sind, dürfte das „überfliegende Lesen“ die richtige Technik sein. Steht hingegen fest, dass eine Quelle ausführlich referiert werden soll, wird vollständiges Lesen nötig. Wenn Sie in Ihrem Schreibprojekt in der Revisionsphase angekommen sind, werden Sie das Korrekturlesen einsetzen.

Manchen Sie sich vor dem Lesen also immer klar, mit welcher der genannten Strategien Sie sich dem Text nähern wollen. Dabei ist es in der Regel nicht sinnvoll, mehrere Strategien unüberlegt miteinander zu vermischen.

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